Recension Toccata early music magazine


CD des Monats! April 2017.

In Skåne län, der südlichsten Provinz Schwedens, dem alten Schonen und altem „Zankapfel“ zwischen Dänemark und Schweden, liegt nordöstlich von Lund und Malmö und zwischen Jularp und Sätofta das kleine Dorf Höör. Knapp 15.000 Einwohner, ein Musikgeschäft, eine Musikschule, ein Jazzclub, das Bösjökkloster am See Ringsjön von 1080, eine Kirche und darin seit 2012 und jeweils im Juni das HÖÖR Barock Festival – das ist Höör in Schonen. Aus Anlass des Barockfestivals gründete man vor fünf Jahren ein kleines, aber feines Orchester, Höör Barock. Das ist natürlich ein feinsinniges Wortspiel aus “hören” und “Barock”. Das Ensemble tritt im Rahmen einer Kammermusikreihe auch ganzjährig in Höör auf, jeweils dem Anlass entsprechend besetzt. Für die Konzerte findet man sich immer wieder in diversen Besetzungen zusammen. Die Kern- und Stammtruppe besteht aus schwedischen und dänischen
Musikern und man lädt sich dann auch verschiedene Konzertmeister ein, so Aureliusz Golinski, Martin Gester, Steven Player oder Dan Laurin, der bereits seit 2014 mit Höör Barock zusammenarbeitet.
Im Booklett des vorliegenden Plattendebüts der Gruppe heißt es so schön:
”Die individuellen Stimmen erhalten hinreichend Entfaltungsmöglichkeiten, und der Gesamtausdruck verdankt sich dem Engagement und der Virtuosität jedes einzelnen Spielers. Das Ensemble kann sich daher mit Leichtigkeit und Freude einem abwechslungsreichen Repertoire widmen…” Telemanns Ouvertüre-Suite “Wassermusik” und das Concerto C-Dur TWV 54:B2, Corellis Concerti Nr. IV und VIII sowie Bachs Concerto F-Dur BWV 1057 stehen auf der Menukarte von Höör Barocks allererster CD. Solisten sind Dan Laurin und Emilie Roos, Flöte, und Anna Paradiso, Cembalo. Und sofort sind die vom Ensemble selbst angesprochene Freude und die Leichtigkeit zu hören, zu fühlen, zu erleben. Das ist ein musikalisches Baiser, ein Salzburger Nockerl aus Schonen – ein orchestraler Kuss, nicht aus Zucker und Eischnee, sondern aus Hingabe, Kunstfertigkeit, Esprit und Können. “Oh, das ist wie ein Kuss!” soll die englische Königin ausgerufen haben, als sie in einen solche “Spanischen Wind” gebissen hatte. Von französisch “Kuss” soll sich das Baiser dann ableiten. Dieser Kuss hier ist ein selten erlebter und gehörter Kunstgenuss, schonungslos schön von den Schonen gespielt. Das ist das Debüt, wohlgemerkt! Höör Barock tritt da mit entwaffnender Musikalität und Selbstbewusstsein mit festem Schritt auf die Bühne und zeigt sich sofort in der Champions league der Alte-Musik-Ensembles. Das ist an sich schon faszinierend. Die Leistung aber macht Staunen und auch ein wenig Angst: Dan Laurin, Emilie Roos, Anna Paradiso, Per Bengtsson, Kerstin Frödin, Hannah Tibell, Kanerva Juutilainen, Rastko Roknic, Hanna Loftsdottir, Dohyo Sol, Nina Grigorjeva, Hanna Thiels, Joakim Peterson und Mats Hultqvist treten heute an und überzeugen nicht mit einer respektablen, sondern mit einer bewundernswerten, mit einer mitreißenden Leistung. Hier spielt man keinen Sicherheitsfußball, hier treten Newcomer mit einer Qualität auf, die für die gesamte Szene künftig neue Maßstäbe setzt, auch für das Ensemble selbst!
Robert Strobl
Telemann, Corelli, Bach. Höör Barock, Dan Laurin. BIS 2235 SACD. ® X/2015
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